Zucht der Rostbauchamazilie im Weltvogelpark Walsrode

Autor: Hanne van Bavel und Diego C. Rubiano Franco
Aufzucht-Team:  Diego C. Rubiano Franco, Laura Rìos Ortiz, Oliver Busse, Hanne van Bavel

Article in English: Breeding the Amazilia Hummingbird at Weltvogelpark Walsrode

Amazilia Hummingbird Information Page


Amazilia Hummingbird (Amazilia amazilia)

Die Familie der Kolibris bewohnt in 328 beschriebenen Arten verschiedene Habitate in Südamerika und dem südlichen Nordamerika.

Beschreibung

Die meisten dieser Arten sind winzig – der kleinste Vogel der Welt ist tatsächlich ein Kolibri: die Bienenelfe, die vom Kopf bis zur Schwanzspitze gerade mal 5 cm misst und weniger als 2 Gramm wiegt! Kolibris sind bekannt für ihr ausgeprägt schillerndes Gefieder und ihre Hauptnahrung: Blütennektar. Ihre Körper sind angepasst an die spezialisierte Art der Nahrungsbeschaffung: mit ihren meist langen und oft gebogenen Schnäbeln können sie perfekt Nektar aus verschiedenen Blüten trinken und mit Hilfe ihres Schwirrfluges während der Nahrungsaufnahme scheinbar bewegungslos in der Luft ‚stehen’ bleiben. Der Schwirrflug entsteht durch extrem schnelle Bewegungen der Flügel: manche Arten können bis zu 80 Mal pro Sekunde mit ihren Flügeln schlagen! Kolibris sind Einzelgänger, welche oft auch aggressiv ihre Nektar-Quellen verteidigen. Somit kommen männliche und weibliche Kolibris nur zur Paarung zusammen und das Weibchen kümmert sich fortan alleine um die Bebrütung der Eier und die Aufzucht der Jungen. Nach dem Schlupf werden die Küken mit kleinen Insekten und Nektar gefüttert - während des Heranwachsens nimmt der Anteil der verfütterten Insekten wieder ab. Bei adulten Kolibris stehen Insekten gerade mal zu 10 % auf dem Speiseplan.

Amazilia Hummingbird (Amazilia amazilia)

Amazalia Chick Penny ComparisonZucht:

In Zoos werden Kolibris auf Grund ihrer speziellen Ansprüche eher selten gehalten.

Eine der bekannteren Arten ist die Rostbauchamazilie (Amazilia amazilia), welche im westlichen Peru und in Ecuador beheimatet ist. Diese Art ist 9 – 11 cm groß und wiegt etwa 5 g. Rostbauchamazilien haben ein grünes Kopf- und Rückengefieder, einen rötlich-braunen Schwanz und Bauch und ein stark von gold bis türkisgrün schimmerndes Gefieder an der Kehle. Die Flügel sind schwarz und der Schnabel rötlich gefärbt. Männchen und Weibchen sehen sich sehr ähnlich, aber die Weibchen sind gewöhnlich weniger leuchtend gefärbt und besitzen eine stärker schwarz gefärbte Schnabelspitze.

Rostbauchamazilien bevorzugen halbtrockene bis trockene Gegenden mit Büschen oder dornigen Sträuchern. Man sieht sie aber auch in Parks, Gärten und sogar in größeren Städten wie Lima.

Diese Art brütet das ganze Jahr über. Ein Weibchen legt normalerweise zwei Eier in ein schalenförmiges Nest gewebt aus Pflanzenwolle, -fasern und Spinnenweben. Nach einer Brutzeit von 16 Tagen schlüpfen die nahezu nackten Jungtiere, die gerade mal 0,5 g auf die Waage bringen. 

Amazilia hummingbird hatchling

In nur wenigen zoologischen Einrichtungen ist diese Art bereits gezüchtet worden und es ist sehr schwierig, eine sich selbst erhaltene Population in menschlicher Obhut aufzubauen. Im Jahr 2011 hatte der Weltvogelpark Walsrode die großartige Chance, ein Zuchtprojekt für Rostbauchamazilien aufzubauen.

Für die Kolibris wurde ein spezieller Zuchtraum entworfen, in dem der Tag-Nacht-Rhythmus, die Temperatur, Luftzufuhr und Luftfeuchtigkeit künstlich kontrolliert werden. Der Raum ist in drei Bereiche unterteilt: eine Küche für die Zubereitung des Nektars, Eingewöhnungs-Volieren sowie einen großen Raum, der die Zucht- und Haltungsvolieren beinhaltet. Jede dieser Volieren bietet dem Vogel Zugang zu speziellen Lampen zum Sonnenbad, einer Fruchtfliegen-Kultur, einem Röhrchen mit Nektar sowie einer Badeschale. Kleine Äste und Pflanzen bieten zahlreiche Sitz- und Ausruhmöglichkeiten. Verbindungstüren zwischen den einzelnen Gehegen gewährleisten, dass Männchen und Weibchen zur Verpaarung unkompliziert und schnell zusammengelassen und ebenso einfach wieder getrennt werden können.  

Am 30. Oktober 2011 zogen schließlich 6 weibliche und 5 männliche Rostbauchamazilien in das neue Zuchtzentrum im Weltvogelpark Walsrode ein! Nach der Quarantänezeit wurden die Vögel einzeln in ihre jeweilige Voliere eingewöhnt. Ein Weibchen fing direkt nach der Umsetzung schon mit dem Nestbau an - schlussendlich kam es am 8. März 2012 zur ersten Ei-Ablage! Am 18. und 20. März folgten die nächsten zwei Eier. Leider waren alle Eier unbefruchtet, was womöglich an Fertilitäts-Problemen des Männchens lag oder dass das Pärchen nicht gut miteinander harmonierte. Sobald diese Probleme erkannt wurden, wurde das Eier-legende Weibchen mit einem anderen Männchen verpaart. Mitte Mai 2012 legte das Weibchen dann das nächste Ei – und dieses war befruchtet! Leider wurden wir zu diesem Zeitpunkt mit einem anderen Problem konfrontiert – alle Weibchen waren sehr jung und keine von ihnen hatte bisher Erfahrung bei der Bebrütung von Eiern und der Jungtieraufzucht sammeln können. Dies zeigte sich im Brutverhalten -  das Weibchen bebrütete das Ei nicht sorgfältig, so dass es in eine Brutmaschine eingelegt werden musste. Dies bot uns die faszinierende Möglichkeit zu sehen, wie sich ein Embryo in solch einem kleinen Ei entwickelt. Leider starb der Embryo am 10. Tag der Entwicklung im Ei ab.

Amazilia Hummingbird Chick

Amazilia hummingbird hatchlingNach einem eher ruhigen Sommer legte ein weiteres Weibchen am 15. August 2012 das nächste Ei. Dieses Weibchen machte leider gar keine Anstalten, sich um ihr Ei zu kümmern, so dass auch dieses Ei künstlich in der Brutmaschine bebrütet wurde. Nach fünf Tagen war klar, dass das Ei befruchtet war und elf Tage später schlüpfte das erste Kolibri-Küken im Weltvogelpark Walsrode! Obwohl das Küken von selbst das Ei zum Schlupf anpickte, mussten wir dem Kleinen aus dem Ei helfen. Es wog beim Schlupf nur 0,37 g! Das Küken wurde in ein künstliches Nest in einer warmen Brutmaschine gesetzt. Anfangs wurde dem Küken nur ein wenig Wasser eingegeben, aber nach 24 Stunden, nachdem der Dottersack komplett resorbiert worden war, wurde das Küken mit Nektar und Fruchtfliegen gefüttert. Alle zwanzig Minuten - von acht Uhr morgens bis 23 Uhr abends - musste das Küken kleine Mengen an Futter verabreicht bekommen. Obwohl das Küken während der ersten zwei Lebenstage sehr aktiv am Betteln war, war es am dritten Morgen sehr schwach und verstarb einige Stunden später.

Nach einer weiteren Pause fing im November ein Weibchen erneut mit dem Nestbau und der Eiablage an. Diesmal konnten wir das Brutverhalten ganz genau über eine Nestkamera, die über dem Nest außen an der Voliere angebracht war, beobachten. Das Weibchen legte zwei befruchtete Eier und bebrütete diese hingebungsvoll. Am Morgen des 8. Dezember 2012 war das gesamte Aufzucht-Team sehr glücklich, als ein frisch geschlüpftes, gesundes Küken im Nest entdeckt werden konnte, welches nach 16 Tagen Brutzeit selbständig aus dem Ei gekommen ist! Nach ein paar Stunden wurde es noch besser: das zweite Küken machte sich daran, sich ebenfalls aus seinem winzigen Ei zu picken! Nach nur 15 Tagen Brutzeit schlüpfte auch das zweite Jungtier selbständig aus dem Ei. Das Weibchen kümmerte sich behutsam um beide Jungtiere – sie war unermüdlich dabei, Fruchtfliegen zu fangen, um diese an die Jungen zu verfüttern und in der Zwischenzeit säuberte und wärmte sie die Küken. Ein Großteil der Nahrung bestand in der ersten Zeit aus Fruchtfliegen, die den Kropf der Küken auf die Größe ihrer Köpfe anwachsen ließen. Beide Jungtiere wuchsen sehr schnell und waren aktiv am Betteln. Nach einer Woche fingen die Augen an sich zu öffnen und nach zehn Tagen hörte die Mutter auf, die Küken des Nachts im Nest zu wärmen. Leider verstarb am 12. Lebenstag eines der Küken, da es während des Fütterns durch die Mutter kleine Futterstückchen in die Luftröhre bekommen hatte. Innerhalb von zwei Minuten verstarb das Jungtier, ohne dass die Pfleger etwas tun konnten. Zum Glück wuchs das andere Küken weiter fleißig heran und saß nach einer Weile schon auf dem Rand des Nestes, um neugierig seine Umgebung zu beäugen. Während dieser Zeit wurde es von den Pflegern schon an ein Nektar-Futterröhrchen als Nahrungsquelle gewöhnt. Am 7. Januar 2013 machte das Jungtier seinen ersten Flugversuch, welcher am Boden der Voliere endete. Während der nächsten Tage entwickelten sich die Flugfähigkeiten des Jungen beträchtlich und es nahm auch schon selbständig Nektar aus dem Futterröhrchen zu sich.

2-week Old Amazilia hummingbird chick (Amazilia amazilia)

Ein paar Tage nach dem Ausfliegen wurde das Jungtier von der Mutter getrennt und der Weltvogelpark konnte sehr stolz auf die erste, voll ausgewachsene und ausgeflogene Nachzucht der Rostbauchamazilie sein!

Zwei Monate später wurde ein Ei leider erneut von der Mutter nicht beachtet. Das befruchtete Ei wurde somit künstlich bebrütet und am 14. März 2013, nach 15 Tagen Bebrütung, schlüpfte das Küken in der Brutmaschine! Natürlich wurde wieder alles daran gesetzt, dieses winzige Jungtier erfolgreich mit der Hand aufzuziehen und diesmal sollte sich die ganze Mühe bezahlt machen!  Das Küken bettelte unermüdlich und wuchs ohne Probleme heran. Am zweiten Lebenstag wog es 0,5 g, aber das Gewicht stieg auf 3,3 g am 15. Tag und schlussendlich auf 4,9 g am 25. Lebenstag! Dem Küken wurden in isotonisches Wasser eingeweichte Fruchtfliegen, angereichert mit Nektar, gefüttert. Die Anzahl an verfütterten Fruchtfliegen stieg enorm an: waren es am 3. Tag noch 45 Fliegen, so wurden am 15. Lebenstag 445 Fruchtfliegen verfüttert! Nach dem 15. Tag wurde die Anzahl wieder reduziert, da ausgewachsene Kolibris eher selten eine große Anzahl an Insekten zu sich nehmen. Die Menge an Nektar hingegen wurde stetig erhöht: von 0,48 ml am 3. Tag, über 5 ml am 15. Lebenstag bis hin zu 8 ml am 25. Lebenstag. Das Küken verließ am 4. April 2013 das Nest, 21 Tage nach dem Schlupf. Ein paar Tage später, als das Küken bereits selbständig war, wurde es in eine kleine Voliere gesetzt, wo es fleißig seine Flugübungen absolvierte.

Dieses Küken war aber nicht das Ende des Bruterfolges! Insgesamt schlüpften noch 5 weitere Küken, die erfolgreich aufwuchsen und ausflogen. Die jungen Weibchen schienen durch die vorherigen Brutversuche immer mehr an Brut- und Aufzuchterfahrung zu gewinnen, so dass insgesamt schon vier Junge von ihren Müttern völlig ohne fremde Hilfe aufgezogen wurden!

Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels saßen sieben gesunde, ausgewachsene Nachzuchten in ihren eigenen Volieren. Der Weltvogelpark Walsrode ist sehr stolz auf diese erfolgreichen Aufzuchten und natürlich hoffen wir, dass der Aufwand und die Bemühungen sich weiterhin auszahlen werden.

3-week old Amazilia chick (Amazilia amazilia)



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